Östliche und Westliche Magie

Östliche und Westliche Magie

Westliche Magie trennbar vom Osten?

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Fotografie von Mark Hosak, 2015Creative Commons Lizenzvertrag

Beim Durchsehen der Literatur zum Thema Schamanismus und Magie sowie in Unterhaltungen ist auffällig, dass sehr gerne Magie in Ost und West unterteilt wird. Dabei heisst es, dass diese Wege voneinander zu trennen seien und dass die östliche Magie für den Menschen im Osten und die westliche für den Menschen Westen erschaffen wurde beziehungsweise sich entwickelt hat. Dabei soll zu der östlichen Magie Yoga, Buddhismus und Taoismus/Daoismus gehören und zu der westlichen Magie die Traditionen der Kabbala, Griechen, Kelten, nordische Mythologie und ägyptische Magie, Hexenkulte der Wicca, Hermetik, Voodoo, Rosenkreuzer und einige mehr zählen.

Diese Aufteilung erscheint auf den ersten Blick relativ oberflächlich. Hierzu folgen einige Beispiele, die das beleuchten sollen.

Geografie der östliche und westlichen Magie

Die grundlegende frage ist, was denn wirklich mit östlicher Magie gemeint sein kann? Betrachte ich das ganze geographisch, so liegt Indien als Herkunftsland für Yoga zunächst mal von hier aus südöstlich, was nicht heissen muss, dass Indien östlich ist, weil zum wahrlich östlichen Bereich der Welt im Norden eher China, Korea und Japan gehören und im Süd-Osten, also Südostasien eher z.B. Thailand, Malaysia, Singapur, Phillipinen und Indonesien. Demnach ist indien Südasien und nicht der Osten. Somit betrifft der indische Raum mit Yoga nicht den östlichen. Wie kann das also zu den östlichen Wegen gehören? Aus meiner Perspektive ist das eher südasiatisch. Von Indien aus verbreitete sich Yoga mit dem Hinduismus nach Südostasien und weitgehend ohne den Hinduismus in den Westen. Mit dem Westen ist weitläufig Europa und Amerika gemeint, wobei, was die westliche Magie betrifft, dazu ebenso Afrika mit etwa der ägyptischen Magie gemeint ist.

Somit wird eine Linie zwischen Ost und West gezogen, wobei der Osten zwischen Amerika, Afrika und Europa liegen soll, wobei die Bereiche Russland sowie, sowie Zweistromland, Babylonien und Mesopotamien ausgeklammert werden. Außer Russland gehören dieser Gegenden aber eher zu denen, die die östliche und westliche Magie maßgeblich beeinflusst haben. Von daher ist es mit dieser Trennung geographisch eher schwierig.

Yoga und Chakren

Zu dem Bereich von Yoga und Hinduismus gehört natürlich auch die Thematik der sogenannten Chakren. Nun hat die Chakrenlehre durchaus Einzug in die östliche und westliche Magie gehalten, wobei Indien zum Ostern gezählt wird, aber eigentlich eher zum Süden gehört.

Die Lehre der Chakren in der westlichen Magie geht auf Blavatsky zurück, die  die Theosophische Gesellschaft 1875 gründete. Blavatsky reiste seit ihrem 17. Lebensjahr nach Afrika, Europa, Amerika und Asien. In Asien (Indien und Tibet) kann sie Teile der östlichen Traditionen gelernt haben, wie es aus ihren Werken über die Geheimlehren hervorgeht, in denen etliche Sanskrit-Begriffe erklärt werden. Wenn dieses Wissen nun in den Golden Dawn aufgenommen wurde, bedeutet das, dass hier eine Verschmelzung zwischen östlicher und westlicher Magie stattgefunden hat. Damit komme ich zu der Hypothese, ob sich westliche und östliche Magie heute noch voneinander trennen lassen.

Eine inhaltliche Trennung halte ich für möglich, wenn man sich puristisch den kabbalistischen Lebensbaum im Gegensatz zum Chakra-System anschaut. Dort gibt es zueinander Bezüge und Parallelen beider Systeme und der Heilsgestalten in verschiedenen  Gewändern. Dies zeigt sich etwa bei der nordischen Göttin Freya und der indischen Göttin Marici, die von ihrer Ikonographie und Symbolik beide auf einem Eber reiten. Dies muss nicht heissen, dass es sich immer um die gleichen Heilsgestalten handelt. Das wird daran erkennbar, dass es in den verschiedenen Traditionen sowohl Heilsgestalten gibt, die an der Erkenntnis und Entwicklung des Menschen ein Interesse haben, als auch solche, die kein Interesse daran haben.

Demnach dürfte das Chakra-System garnicht zu den westlichen Traditionen gehören, weil es, wie beschrieben, zu weit östlich ist und zu sogenannten östlichen Wegen gehört. Somit stelle ich hier mindestens einen Widerspruch fest.

Vergleiche ich nun die Chakrenlehre mit etwa ägyptischen Inhalten, fällt auf, dass das Solarplexus Chakra magisches Symbol (Siddham) in einem Chakra, welches für eine Heilsgestalt steht) mit der Aussprache Ra und Ram verkörpert wird. Nun steht Solar für Sonne und der ägyptische Sonnengott heisst ebenso Ra. Das ist ein seltsamer Zufall. Oder ist es vielleicht kein Zufall? Solche Beispiele gibt es viele. Daher wage ich zu bezweifeln, dass man das alles so voneinander trennen kann.

Buddhismus

Der Buddhismus stammt ursprünglich auch aus Indien. Am meisten bekannt sind die drei Fahrzeuge Hinayana, Mahayana und Tantrayana/Vajrayana. Hinayana verbreitete sich überwiegend in Richtung Südostasien, Mahayana nach Tibet, China, Japan, Korea und Tantrayana ebenso nach Tibet, China, Japan, Korea. Zumindest sind das bis heute die Gebiete, wo der Buddhismus erhalten geblieben ist. Tantrayana beinhaltet praktische Magie, Heilsgestalten und Mystik.

Somit lässt sich auch hier der ursprüngliche Buddhimus nicht dem Osten zuordnen. Anders sieht es jedoch mit den Weiterentwicklungen in Ostasien und Südostasien aus. Doch bevor es dazu kam, ging der Buddhismus zunächst westlich und dann nördlich am Himalaya vorbei nach China, Mongolai, Korea und Japan. Daraus entwickelte sich auch die Seidenstrasse. Nun erhält auf dem Wege dahin der Buddhismus einen offenbar griechischen Einfluss (siehe Buddha-Skulpturen des 2. und 3. Jhs.) in der Gegend von Gandhara, als einer der Staaten des ehemaligen Perserreiches. Da kam es dann auch zu einer gegenseitigen Beeinflussung mit dem Christentum, dessen ursprüngliche Magie eher westlich ist.

Seit dem 6.Jh. hingegen wurde der tantrische Buddhismus zunächst nach Indonesien und dann nach weiter nach China und Japan überliefert. In Japan ist er in seiner älttesten Form bis heute erhalten.

Taoismus

Taoismus kommt aus China und ist demnach eine ursprünglich östliche Tradition. Der Taoismus stammt vom Wu-Schamanismus ab, aus dem etliche magische Praktiken hervorgegangen sind. Daraus ist dann u.a. Qigong, Taiji, Baguazhang, Fengshui und Akupunktur entstanden.

Praxis: Östliche und westliche Magie

Östliche und westliche Magie zeigen gerade in der Praxis enorme Parallelen Diese zeigen sich in der drei Mysterien sanmitsu 三密, die nicht selten auch als Drei Geheimnisse bekannt sind: Körper, Rede, Sinn oder aus tibetischen Übersetzungen Körper, Rede und Geist. In der östlichen Magie tauchen sie im magischen Daoismus und tantrischen Buddhismus, Brahmanismus und Hinduismus auf und in der westlichen Magie mindestens in der nordischen Mythologie und kabbalistischen Tradition.

Der Begriff sanmitsu 三密 ist Japanisch und ist ein buddhistischer Fachbegriff des Esoterischen Buddhismus der Schulen Shingon und Tendai und bedeutet wörtlich übersetzt „Drei Mysterien”. Die drei Mysterien heissen shin-kû-i 身口意. Shin ist der Körper und betrifft die Handlung bzw. Aktion und weist auch auf Mudras hin. Ku bedeutet Mund und bezieht sich auf das Wort, die Sprache sowie Mantras und Zauberformeln. I bedeutet wörtlich übersetzt Sinn und bezieht sich auf die Symbolik, Kontemplation und Visualisation.

Fälschlicherweise wird letzter Begriff oft mit Geist/Spirit übersetzt. Soweit ich das recherchieren konnte, hängt diese Übersetzung mit dem Boom des tibetischen Buddhismus zusammen, der nicht im geringsten geschmälert werden soll. Allerdings sind einige Übersetzungen dort anders, die dann, wenn es um den Buddhismus geht, in einen Topf gegeben werden. Von daher beziehe ich mich hier auf die akademisch anerkannte Übersetzung und die Wörterbuch-Einträge in japanischen sowie buddhistischen Nachschlagewerken, nicht aber auf die ursprünglich von Jesuiten Missionaren verfassten Übersetzungen, deren Pionier- und Grundlagenarbeit aus dem 16 Jahrhundert zwar eine hervorragende Leistung beim Erschaffen der ersten Wörterbücher jedoch heute nicht mehr zeitgemäß ist.

Shin bedarf hier weiterer Erklärung im Zusammenhang der Parallelen zwischen Ost und West. Shin setzt sich aus den Kanji (Schriftzeichen) 音 und 心 zusammen. Übersetzt bedeutet das „Der Klang des spirituellen Herzens” oder „Der Klang, der aus dem spirituellen Herzen erschallt”. Das Kanji 音 lässt weiter aufschlüsseln in 立 und 日 mit der Bedeutung „das, was auf der Sonne steht” oder „Das Licht ist unerschütterlich”. Nun wird im Kontext des Esoterischen Buddhismus Sonne und Licht einerseits mit Weisheit gleichgesetzt und andererseits bezieht sich das im Kontext des spirituellen Herzens auf das Herz der Erleuchtung (nicht Buddhaschaft). Wird dieses erkannt, ist das die Erkenntnis, dass das Herz der Erleuchtung als Keim einem jeden Wesen innewohnt, was in westlichen Worten der Erkenntnis des göttlichen Funkens nahe kommt.

Lebensumstände und Mentalität

Die Idee, dass östliche Magie nur zu den Lebensumständen und der Mentalität der Menschen im Osten passen soll und gleiches für westliche Magie im Westen halte ich rational kaum für nachvollziehbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand hergeht und einen spirituellen Weg erschafft, dass er zu den dortigen Einwohnern passt.

Wenn man noch bedenkt, dass sich Lebensumstände und Mentalität im Laufe der Jahrhunderte und hier sogar Jahrtausende verändern, würden weder östliche noch westliche Wege zu irgendjemanden von heute passen. Man müsste sogar einen Schritt weiter gehen und die Magie an die heutigen Menschen anpassen. Doch was ist dann mit der Mystik? Soll oder kann sich demnach der göttliche Wille ebenso anpassen? Diese Idee halte ich für seltsam.

Hinzukommt, dass die Mentalität der Japaner, Chinesen und Koreaner derart auseinandergeht, dass die bis heute in vielen Bereichen nicht so gut aufeinander zu sprechen sind. Gemeinsam haben sie jedoch einige gleiche spirituelle Wege.

Seit der Mitte des 19. Jh. kam es zu einem intensiven Einfluss des Westens auf Japan, nachdem sich dieses für etwa 250 Jahre vom Westen abgeschottet hat. Um nicht kolonialisiert zu werden, begann Japan, vom Westen zu lernen und sich zu einem ziemlich westlich-japanischen Staat zu entwickeln. In anderem Worten ist der Alltag dort heute ebenso ziemlich stressig und würde garnicht mehr zu der landeseigenen Mentalität, den Lebensumständen und der Spiritualität passen. Und doch gibt es etliche Japaner, die auch mit einem stressigen Alltag einen östlichen Weg folgen können. Und genauso wie in den westlichen Traditionen ist dort die Regelmäßigkeit wichtiger, als sich wie wie ein Eremit vom Alltagsleben zurückzuziehen.

Entwicklung westlicher Methoden für hektische Anforderungen?

Ich hatte oben ja geschrieben, dass sich das Leben in Ostasien in den Bereichen Stress und Hektik an den Westen angepasst hat und dass die Kultur in vielen Bereichen verwestlicht ist (wie zum Beispiel das Sitzen auf Stühlen, dass es bis vor einigen Jahren in Japan kaum gegeben hat und was dazu führte, dass Japaner zunehmend größer werden. Das wiederum bedeutet, dass sie zur Meditation den ägyptischen Sitz nutzen können und nicht mehr unbedingt den klassischen Kniesitz seiza 正座 brauchen). Wenn sich nun die Magie an das menschliche Bewusstsein anpasst, dann müssten die östlichen Wege mittlerweile ja ziemlich westlich geworden sein und die westlichen eventuell sogar etwas östlich. Das würde doch einerseits bedeuten, dass jemand aus dem Osten durchaus westliche Wege erlernen könnte und jemand aus dem Westen östliche Wege, weil sich alles einander angenähert hat. Andererseits steht das im Widerspruch zu dem was so oft über östliche und westliche Magie erzählt wird. So stellt sich die Frage, ob es eine Rolle spielt, wenn sich die Kulturen weiterentwickeln und sogar einander annähern.

Nun weiss ich jedoch von den östlichen Wegen, dass sich diese de facto nur in einen gewissen Bereich an die Veränderungen des menschlichen Bewusstseins angepasst haben. Die Art und Durchführung der Rituale ist weitgehend erhalten geblieben. Es gibt Jahrhunderte alte Ritualanleitungen, die innerhalb der buddhistischen Schulen und Linien des tantrischen Buddhismus von Generation zu Generation weitergereicht wurden und sich somit kaum geändert haben. Änderungen finden nur dann statt, wenn ein Ajari 阿闍梨, also ein Meister höchsten Ranges eine eigene Linie erschafft und die Rituale auf der Basis seiner Erfahrungen ein wenig abändert. Alle paar Generationen gibt es dann wieder eine Tendenz von einigen Mönchen, das Alte und Traditionelle weiterzubegeben, wenn wenn der Eindruck erweckt wurde, dass die Lehre und der Weg verkommen seien. So war es zum Beispiel bei dem Mönch Kakuban (1095-1143), dem auffiel, dass die Rituale weitgehend nur noch für weltliche Zwecke angewandt wurden und die eigentliche Lehre in den Hintergrund gedrängt wurde. Kakuban lernte dann bei allen Lehrern, die er finden konnte und hob das Niveau wieder an. Das führte natürlich auch dazu, dass er etliche Gegner hatte. Jedoch wird seine Schule (Shingi shingon shû) bis heute praktiziert.

Die Rituale und die Lehre sind also erhalten geblieben. Die Auslegung der Sutras und weiterer Texte sowie die Wunsch-Inhalte einiger Rituale haben sich an die heutige Zeit angepasst. So gibt es bei dem Feuerritual Gomahô, bei dem man Wünsche auf Holzstäbe schreibt, deren Wortlaut vorher von den Mönchen festgelegt wurde. Moderne Wünsche sind zum Beispiel “Sicherheit im Straßenverkehr” und alte Wünsche beziehen sich eher auf eine sichere Geburt. Meine Frage ist hier aber, ob man das wirklich als eine Weiterentwicklung der Magie bezeichnen kann. Ich denke nicht.

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