Im Tempel auf dem Kōyasan hing an einer Wand eine Reihe von Bildtafeln. Eine weiße Scheibe auf dunklem Grund, darauf ein einzelnes Zeichen.

Ich wusste sofort, was das ist. Es sind die Tafeln für die Ajikan.

Am Tag zuvor hatten wir in einem anderen Haus danach gefragt. Wir hatten sie beim Namen genannt. Die Antwort war: dafür müssten wir zum Touristeninformationszentrum.

Und hier hing sie.

Was, wenn das, wonach du in einem fremden Land suchst, an der Wand des Hauses hängt, in dem du schläfst, und niemand es dir anbietet?

Ein Zeichen, ein Atemzug

Bevor ein einziger Fachbegriff fällt, will ich dir sagen, was diese Praxis ist. Denn sie ist einfacher, als alles, was man später darüber lesen kann.

Öffne den Mund ein wenig. Atme aus, ohne eine Silbe zu formen.

Was du hörst, ist A.

Das ist kein Bild. Das ist der Laut, der entsteht, wenn ein Mensch atmet und nichts dazu tut. Er steht am Beginn des Sanskrit-Alphabets. Die Überlieferung sagt: Es ist der erste Laut eines Lebens. Und derjenige, den man in der letzten Stunde im Herzen hält.

Um diesen einen Laut herum hat sich in Japan eine Meditation gebaut, die mit einem Zeichen und einer Mondscheibe arbeitet. Du siehst eine weiße Scheibe in der Mitte deiner Brust. Und dann wird sie größer. So groß, dass sie deinen Körper umschließt. Und dann größer als das. Und dann holst du sie zurück.

Wer das kann, sagt Kūkai, hat die Voraussetzung für eine Weisheit geschaffen, die alles umfasst.

Ein Laut. Eine Scheibe. Der eigene Atem. Mehr Material brauchst du nicht.

Das ist es, was auf dem Kōyasan an der Wand hängt.

Was Ajikan heißt 阿字観

阿字観
A 阿 — die Silbe. Ji 字 — das Zeichen, hier das indische: Siddhaṃ, in Japan bonji genannt. Kan 観 — das betrachtende Schauen. Wörtlich: „die betrachtende Meditation der Silbe A."

Drei Zeichen, und das dritte ist das wichtigste.

A 阿 ist die Silbe.

Zeichen 字 meint hier nicht das japanische Schriftzeichen, sondern das indische: Siddhaṃ, in Japan bonji genannt. Die Schrift, in der Sanskrit geschrieben wird und mit der im esoterischen Buddhismus gearbeitet wird.

Schauen 観 ist der Rest. Im Buddhismus steht das Zeichen für die betrachtende Meditation. Das Hinsehen, das Verweilen.

Nicht das Anspannen. Das Schauen.

Ajikan ist also die betrachtende Meditation der Silbe A. Das Zeichen liegt entweder gemalt vor dir oder innerlich in deiner Brust. Beides kommt vor, und beides ist richtig.

Warum gerade diese Silbe 本不生

Im Shingon steht das A für etwas, das sich schwer übersetzen lässt: honpushō 本不生, das im Grunde nicht Erschaffene. Das, was nicht entstanden ist und deshalb nicht vergehen kann. Der Boden, auf dem alles andere aufliegt.

Jedes Siddhaṃ vertritt im esoterischen Buddhismus eine Heilsgestalt. Das A vertritt Dainichi Nyorai, den Buddha der Mutterschoßwelt, aus dem im Shingon alles hervorgeht.

Dainichi Nyorai · Statue auf dem Kōyasan
Dainichi Nyorai auf dem Kōyasan — die Silbe A vertritt ihn

Und dann ist da der Grund, der keinen Fachbegriff braucht, und der mich mehr berührt als alle Philosophie darum herum. In einem der Texte, die ich für meine Doktorarbeit ausgewertet habe, steht das so:

Wenn in der Todesstunde die karmischen Hindernisse kommen und das Herz vergessen hat, was es ist, dann braucht man nur den Mund zu öffnen und ein- und auszuatmen. Jedes Einatmen und jedes Ausatmen ist der Atem des A.

Das ist die ganze Voraussetzung. Ein offener Mund.

Eine japanische Meditation, die anders funktioniert als Zen

Wenn in Europa von buddhistischer Meditation die Rede ist, ist fast immer Zen gemeint. Stille sitzen, den Atem beobachten, die Gedanken ziehen lassen, kein Gegenstand.

Ajikan ist etwas anderes, und der Unterschied lohnt sich.

Sie arbeitet mit einem Gegenstand. Mit einem Zeichen, einer Mondscheibe, einem Laut. Nicht weil sie sich an der Form festhält, sondern weil im esoterischen Buddhismus Körper, Rede und Geist gemeinsam arbeiten sollen. Die Haltung, das Intonieren, die Betrachtung. Drei Kanäle statt einem.

Das ist der Grund, warum jemand, dem Zen zu leer war, hier fündig werden kann. Und der Grund, warum andere Zen leichter finden: Hier gibt es etwas zu tun.

Die japanische Überlieferung kennt beide Wege und hält sie nicht gegeneinander. Der Berg, auf dem ich die Tafeln gesehen habe, ist voll von dem einen. Das andere praktizieren dort seit über tausend Jahren Mönche in denselben Häusern.

Wie die Praxis aufgebaut ist 月輪観

Ajikan hat einen Vorbau. Zwei Grundlagen tragen sie.

Die Mondscheibe

Kūkai sagt, es sei gut, zuerst mit der Betrachtung der Mondscheibe zu beginnen, der Gachirinkan 月輪観.

Man stellt sich einen Vollmond vor. Oder man betrachtet einen gemalten: eine weiße Scheibe auf dunklem Grund. Genau das, was auf den Tafeln zu sehen war. Dann schließt man die Augen und sieht sie innerlich in der Brust.

Steht sie, wird sie vergrößert, bis sie den Körper umgibt. Und wieder verkleinert. Beides muss gehen.

Mondscheibe · Gachirinkan als Vorbau der Ajikan
Die Mondscheibe — der Vorbau der Ajikan

In der Shingon-Praxis ist das keine Metapher. Es ist die Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmos: dasselbe im Kleinen wie im Großen. Wer das im eigenen Herzen bewegen kann, hat begriffen, dass die beiden nicht getrennt sind.

Der gezählte Atem

Erst danach kommt die Atembetrachtung, die Sūsokukan 数息観.

Der Atem wird gezählt. Bei jedem Atemzug wird das A gesehen und mit leicht geöffnetem Mund gesprochen. Dann mit geschlossenen Augen ins Herz genommen. Danach ebenso die Mondscheibe: ansehen, aufnehmen, Augen schließen. Und während das ununterbrochen steht, spürt man die Wahrheit des im Grunde nicht Erschaffenen.

Und dies: im Gehen, im Liegen, im Sitzen, im Stehen. Nicht nur auf dem Kissen.

Über die Reihenfolge waren sich die alten Meister nicht einig. Kūkai setzt die Mondscheibe vor den Atem, ein Mönch des 11. Jahrhunderts legt beides zusammen. Mit der Zeit hat sich durchgesetzt: erst der Atem, dann die Mondscheibe, dann eine einfache Form der Ajikan. Diese drei stehen jedem offen, der die Weihe für Laien empfangen hat, die kechien kanjō 結縁灌頂, die Weihe der Knüpfung der Verbindung.

Was hier noch offen bleibt

Du kannst das heute Abend probieren. Nimm dir zehn Minuten und sieh die weiße Scheibe in deiner Brust.

Was du dabei merkst, ist zweierlei. Es passiert etwas. Und du weißt nicht, ob du es richtig machst.

Das ist keine Lücke in der Beschreibung. Das ist die Beschreibung. Was in den Texten steht, ist das Was. Nicht darin steht: wie lange, woran du merkst, dass es trägt, was zu tun ist, wenn nichts kommt, wann du weitergehst und wann du bleibst. Genau das ist der Teil, der von Mensch zu Mensch weitergegeben wird und nie von Papier zu Mensch.

Die Texte waren für Menschen geschrieben, die einen Meister im Haus hatten. Sie setzen ihn voraus, ohne ihn zu erwähnen.

Der Text und wie er überlebt hat 覚鑁

Der Text, der die Ajikan ausführlich beschreibt, stammt von Kakuban 覚鑁 (1095–1143), posthum Kōgyō Daishi, einem der großen Erneuerer des Shingon.

Seine Handschrift ist nicht erhalten. Die Geschichte, warum nicht, ist besser als jede Einführung.

1134 wurde er Abt. Ihm unterstanden die Mönche von 238 Tempeln auf dem Kōyasan. Seine Reformideen stießen auf harten Widerstand, und 1140 kippte es: Mönche des Hauptklosters griffen seine eigenen Tempel an. Er musste fliehen und trug dabei Verletzungen davon. Seine Tempel brannten. Manuskripte verbrannten mit.

Er floh auf den Negorosan, wo er Jahre zuvor einen Tempel gegründet hatte. Dort schrieb er in seinen letzten Lebensjahren acht Texte über die Bedeutung und die Praxis dieses einen Zeichens. Der Ajikan-Text ist einer davon.

Über diese Jahre gibt es Legenden. Eine Chronik berichtet, das Siddhaṃ A sei durch seine Fokussierung auf einer Wand des Tempels erschienen. Und dass sich der Mond bei Tageslicht auf einem Teich spiegelte, während er die Mondscheibe betrachtete.

Legenden sind Legenden. Nachprüfbar ist etwas anderes: Ein Mann, den man von einem Berg gejagt hat, dessen Häuser brannten und der verletzt in einem anderen Kloster ankam, hat dort nicht über Macht geschrieben. Er hat acht Texte über ein Zeichen geschrieben.

Warum der Text fast verschwand

445 Jahre später zerstörten die Truppen Toyotomi Hideyoshis die Tempel auf dem Negorosan. Zwei Gründe: Hideyoshi fürchtete die wirtschaftliche Macht der Mönche, und der Negorosan war eines der großen Zentren der Ninja. Die Tempel wurden angegriffen und in Brand gesetzt. Wieder verbrannte eine große Zahl von Handschriften.

Dazu kommt Kakuban selbst. Er soll seine Schüler aufgefordert haben, die Aufzeichnungen seiner Erklärungen nach seinem Tod zu verbrennen, damit dieses Wissen niemandem schade und nicht in falsche Hände gerate. Ein Teil wurde verbrannt. Andere Schüler weigerten sich. Sie fanden die Texte zu wertvoll.

Der Text, den ich übersetzt habe, ist deshalb nicht der aus Negoro. Er ist eine offizielle Kopie, niedergeschrieben 1414 im Ninnaji in Kyōto. Zwei weitere Kopien von 1642 und 1661 liegen in der Bibliothek der Universität Kōya und bestätigen seine Echtheit. In den gesammelten Werken war er nicht verzeichnet; er wurde in einer Tempelbibliothek wiedergefunden.

Es gibt eine Übertragung ins klassische Japanisch. Die Übersetzung in eine westliche Sprache in meiner Doktorarbeit ist die erste.

„Ein Mann, den man von einem Berg gejagt hat, dessen Häuser brannten und der verletzt in einem anderen Kloster ankam, hat dort nicht über Macht geschrieben. Er hat acht Texte über ein Zeichen geschrieben." Dr. Mark Hosak

Ein Text, entstanden an einem Sterbebett 阿息観

Und dann ist da der Anlass.

Der Ajikan-Text soll entstanden sein, als Kakubans Mutter krank war und im Sterben lag.

In diesem Zusammenhang steht im Werk eine weitere Atembetrachtung, die Asokukan 阿息観, die Atembetrachtung des A. Der Gedanke dahinter: Auch wenn eine Krankheit nicht mehr zu wenden ist, auch im Sterben, solle man wenigstens diese üben. Um mit dem Atem das Herz zu reinigen.

Nicht um den Körper zu retten. Sondern damit in der letzten Strecke noch etwas möglich ist.

Das ist kein System, das ein Gelehrter am Schreibtisch gebaut hat. Das ist ein Sohn, der neben einem Bett sitzt und aufschreibt, was bleibt, wenn nichts mehr bleibt.

Wenn du wissen willst, warum ich diesem Text zwanzig Jahre nachgegangen bin: Das ist der Grund.

Das Herz, von dem die Rede ist 心

Ein Wort muss noch geklärt werden, sonst missversteht man alles Folgende.

Im Text steht durchgehend kokoro 心. Und kokoro heißt Herz und Geist in einem.

Im Deutschen haben wir das getrennt. Wir sagen „aus reinem Herzen" und deuten dabei auf die Brust. Wir sagen „mit klarem Geiste" und deuten auf den Kopf. Zwei Wendungen, zwei Orte.

Diese Trennung gibt es im Japanischen nicht.

Gemeint ist nicht das Organ. Gemeint ist das Herz im Sinne von Herz, Seele und Geist zugleich, räumlich beschrieben in der Mitte der Brust, und beschrieben als im Grunde rein und immerwährend.

In meiner Übersetzung habe ich überall „Herz" gewählt, obwohl „Geist" genauso möglich gewesen wäre. Nicht aus Romantik. Der Text wird damit verständlicher, und es ist die Bedeutung, die an den meisten Stellen trägt.

Wenn du im Folgenden „Herz" liest, lies: das, was du bist.

Zwölf Wege, ein Zeichen 十二

Und jetzt die Stelle, an der dieser Text aufhört, ein Lehrstück zu sein.

Er beschreibt nicht eine Ajikan. Er beschreibt zwölf.

Im Grunde immer dieselbe Praxis. Aber sobald der Ort der Aufmerksamkeit wechselt, ändert sich, was geschieht. Das A einmal in der Brust. Ein anderes Mal über der Zunge. Einmal innerlich, einmal gemalt vor dir. Einmal allein, einmal mit anderen im Raum.

Was wäre, wenn der Unterschied zwischen einer Meditation, die nichts tut, und einer, die etwas öffnet, nicht in der Technik liegt, sondern in einem halben Meter?

Bevor du weiterliest: Was hier als Wirkung steht, ist das, was der Text im 12. Jahrhundert nennt. Es steht hier, weil es dazugehört und weil es zeigt, wie genau dort unterschieden wurde. Es sind keine Versprechen.

Die Grundlagen

1 · Die Basis. Ein achtblättriger Lotussockel in der Mitte der Brust. Darauf das A. Das A wird zur Mondscheibe.
Der Text nennt: das Hören des Gesetzes als Klang aus dem Herzen.

2 · Mit dem Blick auf der Mondscheibe.
Dort steht: die Heilung der drei Gifte des Herzens. Der Begierde. Des Zorns. Der Unkenntnis von Gut und Böse.

3 · Mondscheibe und Atem zusammen. Das A wird dem Atem gleichgesetzt, wie er kommt und geht.
Dort steht: das Erkennen des Augenblicks eines einzelnen Gedankens. Und das Erkennen, dass der Atem das Leben ist.

Für schwere Stunden

4 · Im Sterben. Das A wird beim Ausatmen im letzten Moment intoniert.
Dort steht: dass das Herz sich nicht von seinen eigenen Verwirrungen ablenken lässt. Das Zur-Ruhe-Kommen der Mondscheibe. Das Verweilen in der Leere.

5 · Für junge Menschen. Durch den Mund ein- und ausatmen, dabei das A intonieren.
Dort steht: dass das ruhige und das verwirrte Herz nicht durcheinandergeraten. Der Text sagt ausdrücklich, dass gerade in der Jugend beides in Unordnung kommt, weil die Erfahrungen so dicht aufeinander folgen.

10 · Dreimal am Tag. Betrachtung und Intonieren des A beim Ein- und Ausatmen, am Morgen, am Mittag und am Abend.

Mit Licht, mit Bild, mit anderen

6 · Mit dem Licht. Eine weiße Lotusblüte. Darauf eine Mondscheibe wie eine hohle Kristallkugel. Darauf das A in Gold, das für Dainichi Nyorai steht. Von dort strahlt weißes Licht in die unendlichen Welten. Und wieder: im Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen.
Dort steht: die Mondscheibe zeigt die Weisheit, das A die Wahrheit.

7 · Von außen, auf einem Bild. Man malt eine Lotusblüte, darauf eine Mondscheibe, darin das A. Und betrachtet es. Genau das hing an der Wand.

8 · Gemeinsam mit anderen. Das A in der Mondscheibe auf der Lotusblüte in der Brust. Von dort strahlt das Licht in alle Richtungen und verteilt sich im Körper der Praktizierenden vom Scheitel bis in die Füße.

11 · Über der Zunge. Beim Ein- und Ausatmen wird das A über der Zunge gesehen, nicht in der Brust.

12 · Auf Gegenständen. Das A wird auf Eisen oder Stein gesehen.
Dort steht eine alchemistische Verwandlung in fließendes Gold. In meiner Arbeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Stein und Eisen hier mit großer Wahrscheinlichkeit bildlich gemeint sind: Stein für ein versteinertes, kaltes Herz, das wieder beweglich wird. Möglich ist auch, dass damit Ritualgeräte oder Schwertklingen gesegnet wurden. Siddhaṃ auf Schwertern gibt es tatsächlich.

Die Nummerierung folgt dem Original. Variation 9 beschreibt eine Anwendung, die einen eigenen Zusammenhang braucht, und bleibt hier außen vor.

Was hier „Heilung" heißt, und was nicht 対治

Über meiner ganzen Doktorarbeit stand eine Frage, an der ich nicht vorbeikam. Was heißt eigentlich Heilung, wenn ein Text aus dem 12. Jahrhundert davon spricht?

Der Begriff im Text

Er heißt taiji 対治 und meint die Reinigung von den Trübungen des Herzens. Im Text steht er im Zusammenhang mit den drei Giften: Gier, Hass, Verblendung.

Das ist keine Medizin. Damals nicht und heute nicht.

Heilung im schulmedizinischen Sinn beschreibt das Verschwinden einer Symptomatik und die Wiederherstellung eines Zustands. Davon ist in diesem Text nicht die Rede. Die Heilung körperlicher Krankheiten kommt dort nur am Rand als eine mögliche Anwendungsvariation vor.

Worum es geht, ist die stetige Entwicklung des Herzens der Erleuchtung, bodaishin 菩提心. Kein abgeschlossener Vorgang, sondern ein lebenslanger. Geheilt wird in dieser Sicht zuerst das unvergängliche Herz, während der Körper vergänglich bleibt.

Man könnte auf den Gedanken kommen, hier läge ein Vorläufer der Psychotherapie oder der Geistheilung. Das halte ich aus einem einfachen Grund für unwahrscheinlich: Bei beidem behandelt eine Person eine andere. Bei der Ajikan ist niemand da außer dir.

Was heute dazu gemessen wird

In der Forschung hat mich eine Sache überrascht. Die Beschreibungen der Wirkung, die über die Jahrhunderte immer wiederkehren, decken sich in Teilen mit Ergebnissen heutiger Studien zur kontemplativen Meditation: erhöhte Aktivität in jenen Hirnarealen, die Ängste, Schmerzen und Gefühle verarbeiten, und ein Zurückfahren anderer Areale, aus dem innere Ruhe entsteht.

Das sagt nichts darüber, was Ajikan tut. Es sagt etwas darüber, dass praktiziert wurde. Ohne Erfahrung lässt sich über eine Wirkung nichts sagen. Wer nur am Schreibtisch sitzt, käme über Jahrhunderte nicht auf dieselben Beschreibungen.

Die zwei Bilder, die ich nie vergessen habe

Ein Begriff aus meiner Arbeit ist mir dabei wichtig geworden: Sekundäremotionen. Gefühle, die durch Prägung und Erfahrung antrainiert sind. Wut und Zorn, ohne dass eine Situation dafür vorliegt.

Dafür steht im Text das Bild des Mondes als kühlende Tugend. Nicht Verdrängen, kühlen.

Und dann dieses. Der Mensch, der sich sein Leid selbst macht, sei wie ein Maler, der aus Unkenntnis einen furchterregenden Dämon malt und sich dann vor seinem eigenen Bild fürchtet.

Oder wie der Faden, der von selbst aus dem Mund einer Seidenraupe kommt und mit dem sie sich selbst einwickelt und festbindet.

„Hölle und Reines Land werden an keinem anderen Ort erschaffen als im eigenen Herzen." Aus dem Ajikan-Text, 12. Jahrhundert

Das ist im 12. Jahrhundert geschrieben worden. Lies es noch einmal und frag dich, welches Bild in deinem Leben du selbst gemalt hast.

Warum du das auf dem Kōyasan nicht bekommst

Zurück zu der Wand.

Ajikan ist die grundlegende Praxis. Sie steht Laien offen. Die Tafeln hängen dort. Die Mönche üben sie. Auf Reiseseiten steht inzwischen, „viele Tempel" böten sie an.

Für Gäste ist sie trotzdem bis heute schwer zu bekommen.

Ich glaube nicht, dass das an Geiz liegt. Darüber habe ich im Artikel über die Tempelübernachtung geschrieben: Wer jeden Abend eine Gruppe vor sich hat, von der ein Teil nicht weiß, wo er ist, gibt irgendwann weniger. Nicht aus Geiz, aus Schutz.

Es liegt außerdem daran, dass eine Praxis wie diese nicht an einer Rezeption übergeben wird. Sie braucht jemanden, der sie selbst übt. Sie braucht Zeit. Und sie braucht eine gemeinsame Sprache. Bei einer Übernachtung mit Abendessen und Morgenandacht ist von allen dreien zu wenig da.

Das ist keine Anklage, sondern eine Beobachtung. Und es ist der Grund, warum ich diesen Weg woanders gegangen bin: in der Praxis, in Tempeln, in denen ich über Jahre ein und aus ging, und in den Texten selbst.

Wie dieser Weg über Jahre aussieht

Damit du weißt, worauf du dich einlässt, falls du ihn gehst.

Am Anfang ist die Mondscheibe unruhig. Sie kommt und geht, sie wird oval, sie verschwindet, sobald du sie halten willst. Das ist normal und dauert länger, als die meisten erwarten.

Dann kommt eine Zeit, in der sie steht. Und mit ihr kommt etwas, das schwer zu beschreiben ist: Der Tag wird stiller, ohne dass sich äußerlich etwas ändert. Nicht abgestumpfter. Nur weniger automatisch.

Und irgendwann ist es nicht mehr etwas, das du tust. Es ist dann eher etwas, das im Hintergrund weiterläuft, und du bemerkst es, wenn du kurz hinhörst. Ein Atemzug genügt, um wieder da zu sein.

Bis dahin sind Jahre vergangen. Das gehört zur Wahrheit dieser Praxis wie alles andere.

Was du jetzt tun kannst

Eine vollständige Anleitung findest du hier nicht, und das hat mit Geheimniskrämerei nichts zu tun. Der offene Teil steht oben: Was weitergegeben wird, ist nicht das Was, sondern das Wie, und das geht von Mensch zu Mensch.

Was du jetzt tun kannst, ist das, was im Text selbst als das Einfachste beschrieben wird:

Öffne den Mund ein wenig. Atme aus. Höre den Laut, der von selbst entsteht.

Das ist das A.

Und dann bleib einen Moment bei der Frage, die dieser Text auf jeder Seite stellt, ohne sie ein einziges Mal auszusprechen:

Was, wenn dein Herz im Grunde schon rein ist, und alles, was zu tun bleibt, das Loslassen von dem ist, was sich davorgelegt hat?

Von der Information zur Praxis

Ein Laut. Eine Scheibe. Der eigene Atem.

Das Was steht jetzt hier. Das Wie geht von Mensch zu Mensch. Hier fängt es an.

Shingon Reiki 1 — der erste Grad Kōyasan — das Zentrum des Shingon