„Das klingt ja gar nicht nach Sanskrit“, sagte im letzten Live Event jemand zu mir. „Eher japanisch.“ Beides stimmt, und darin steckt eine der spannendsten Geschichten der Mantra-Praxis.

In Shingon Reiki 1 rezitieren wir gemeinsam das Mantra des Medizin-Buddha. Fast jedes Mal kommen nach der ersten Runde zwei Fragen. Was heißen diese Worte auf Deutsch? Und warum klingen sie so, wie sie klingen? Viele haben vorher Mantren aus Yoga-Büchern gelesen und erkennen die japanische Form kaum wieder.

Ein paar Beispiele kennst du vielleicht schon. Aus dem Buddha Amitābha wurde in Japan Amida. Die Keimsilbe hrīḥ, die in Büchern meist als „Hrih“ steht, spricht man in Japan kiriku. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Fehler. Ich sehe es anders.

Der Weg der Mantren: von Indien über China nach Japan 道

Die Mantren des esoterischen Buddhismus kamen nicht direkt aus Indien nach Japan, sondern über China. Dort standen die Übersetzer vor einem Problem: Mit chinesischen Schriftzeichen lassen sich die Laute des Sanskrit nur ungenau wiedergeben. Gerade bei Mantren kam es aber auf den Klang an. Deshalb blieb man in Ostasien bei der indischen Siddham-Schrift, um die Laute festzuhalten.

Kūkai, der Gründer der Shingon-Schule, kehrte im Jahr 806 aus China zurück. Er hatte in der Hauptstadt Chang’an bei indischen Mönchen Sanskrit studiert und brachte neues Material in Siddham mit nach Japan. Eingeführt waren die Siddham dort schon im 6. und 7. Jahrhundert, aber mit Kūkai und den anderen „acht Meistern“ (Nittō hakke 入唐八家) kam im 9. Jahrhundert eine große Welle dazu. Im 9. Jahrhundert ordneten japanische Mönche wie Annen (geb. 841) dieses Wissen zu einer eigenen Disziplin, den Siddham-Studien. Die Lesungen wurden danach über viele Jahrhunderte in den Tempeln von Tendai und Shingon weitergegeben.

Siddham-Keimsilbe auf einem moosbewachsenen Steinrund im Wald am Kōyasan
Siddham am Kōyasan · bis heute im Shingon lebendig

In China wurden die buddhistischen Schulen Mitte des 9. Jahrhunderts von Verfolgungen getroffen, in Indien setzten sich andere Schriften durch. An beiden Orten brach viel von dieser Überlieferung ab. Japan aber rezitierte einfach weiter. Tag für Tag, in denselben Ritualen, über mehr als tausend Jahre. Genau das ist für uns heute ein Glücksfall. Siddham wird heute fast nur noch in Ostasien verwendet, vor allem im Shingon, im Tendai und im Shugendō.

Während sich die Aussprache in der Welt weiterentwickelt hat, wurde sie in Japan quasi eingefroren. Wer etwas jeden Tag rezitiert, verändert es nicht so leicht.

Warum aus hrīḥ „kiriku“ wird 音

Ein Teil der Veränderung kommt aus dem Japanischen selbst. Die japanische Sprache kennt kaum aufeinanderfolgende Konsonanten. Jeder Konsonant bekommt einen Vokal. Aus h-r-ī-ḥ wird so ki-ri-ku. Gleichzeitig werden die Vokale i und u im Japanischen oft so leise gesprochen, dass sie fast verschwinden. Ich nenne sie gern Schwundvokale. Wenn ein geübter Mönch kiriku rezitiert, hörst du eher etwas wie „kirik“. Plötzlich ist man wieder sehr nah am Ausgangslaut.

Ich hatte während meines Studiums das Glück, einige Semester indische Kunstgeschichte bei einem Indologen zu hören. Er erklärte uns, dass die meisten Menschen hierzulande Sanskrit so aussprechen, wie sie die lateinischen Buchstaben der Umschrift aus ihrer eigenen Sprache kennen. Mit dem ursprünglichen Klang hat das oft wenig zu tun. Seitdem bin ich vorsichtig, wenn jemand sagt, die japanische Aussprache sei „falsch“.

Jede Kultur hat einem Mantra ihren eigenen Klang mitgegeben. Nimm ein und dasselbe Mantra und höre es auf Tibetisch, auf Chinesisch, auf Koreanisch und auf Japanisch. Es klingt verwandt und doch jedes Mal anders. Von einer Verfälschung würde ich da nicht sprechen, eher von Geschichte, die man hören kann.

Siddham-Keimsilbe hrīḥ, in Japan kiriku gesprochen, die Silbe des Buddha Amida
hrīḥ · in Japan „kiriku“

Was die Übersetzung dir gibt und was nicht 訳

Und die Frage nach der deutschen Bedeutung? Ich übersetze die Mantren gern, wenn jemand danach fragt. Aber ich sage dazu: Wer glaubt, dass ein Mantra besser wirkt, sobald er jedes Wort versteht, ist auf dem Holzweg. Viele Mantren sind aus sehr alten Elementen zusammengesetzt. Ihre wörtliche Übersetzung ist ein bisschen wie ein Zen-Kōan. Den Verstand beschäftigt sie, gelöst wird dadurch nichts.

Ein Mantra wirkt durch die Einweihung, durch den Klang und durch deinen Fokus. Das kognitive Verstehen ist ein schöner Zusatz, aber nicht der Schlüssel.

Ein Mantra wächst mit der Zeit 唱

Mach dir keinen Druck, wenn ein neues Mantra nicht sofort sitzt. Ich selbst brauche für ein neues Mantra meist länger als die meisten Menschen, die zu mir in die Live Events kommen. Ich bin ein langsamer, aber stetiger Typ. Ich höre einfach nicht auf, und irgendwann ist es da.

Am wichtigsten ist es, ein Mantra zuerst zu hören, bevor man es liest. Die Umschrift ist eine Gedächtnisstütze und kein Klangvorbild. Deshalb rezitieren wir die Mantren auf den Live Events gemeinsam, bis sie sitzen, und in der Gemeinschaft kannst du dranbleiben.

Selbstgemachte Malas aus Edelsteinperlen auf einem Tuch mit japanischer Schrift
Malas zum Zählen der Rezitationen

Als ich kürzlich in einem Tempel in Japan war, ließ uns ein Shingon-Mönch dort ein Mantra nach dem anderen rezitieren: erst vierzig Mal, dann fünfhundert Mal, zwanzig, dreißig verschiedene. Irgendwann kam eines, das ich nicht kannte. Und es war völlig in Ordnung. So ist diese Praxis. Sie wächst, Ebene für Ebene.

Quellen

Hauptquelle: Mark Hosak: „Die Siddham in der japanischen Kunst – Rituale der Heilung“, Dissertation, Universität Heidelberg 2014; als Buch erschienen bei GRIN Verlag, München (Ausgabe 2018, ISBN 978-3-668-63296-7).

Zu Kūkai, der Siddham-Schrift in Japan und ihrem heutigen Gebrauch: Encyclopedia of Buddhism / Wikipedia, Artikel „Siddhaṃ script“. Zu Annen und der Weitergabe der Sanskrit-Lesungen in Tendai und Shingon: Numoto Katsuaki, Forschungsprojekt „Fundamental Research for constructing the History of Sanskrit Pronunciation in Japan“ (KAKEN 14510448, 2002–2005).

Selbst erleben

Das Mantra des Medizin-Buddha

In Shingon Reiki 1 empfängst du die Einweihung in den Medizin-Buddha: Handhaltung, Mantra und Zeichen. Shingon Reiki öffnet dir dabei eine besondere Möglichkeit: Du kannst die Kraft des Mantras zusammen mit Reiki durch deine Hände fließen lassen. Wir rezitieren das Mantra gemeinsam, bis es sich in deiner Stimme zu Hause fühlt.

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