
In den meisten westlichen Reiki-Traditionen ist Meditation ein Beiwerk. Etwas, das man vor einer Sitzung machen kann, wenn man möchte. Ein nettes Extra. In der japanischen Tradition ist das Gegenteil der Fall: Meditation ist das Fundament. Ohne Meditation kein Reiki – jedenfalls nicht in der Tiefe, wie Usui es beabsichtigt hat.
Der Gedenkstein am Grab von Mikao Usui sagt es unmissverständlich: Asayū gasshō shite kokoro ni nenji, kuchi ni tonaeyo – „Morgens und abends die Hände in Gasshō falten, im Herzen meditieren und mit dem Mund rezitieren." Das sind keine Empfehlungen. Es ist eine Anweisung – eingebettet in die drei Geheimnisse der Shingon-Tradition.
Gasshō – die Hände, die alles verbinden 合掌
Gasshō ist mehr als eine Begrüßung. Wenn du die Hände vor dem Herzen zusammenlegst, verbindest du die linke und die rechte Seite. Yin und Yang. Weisheit und Methode. Buddha-Natur und menschliches Bewusstsein. Die Hände berühren sich – und in diesem Kontakt entsteht ein Raum, der weder links noch rechts ist, sondern die Mitte.
In der Reiki-Tradition beginnt jede Praxis mit Gasshō. Du setzt dich, schließt die Augen, legst die Hände zusammen und atmest. In diesem Moment endet der Alltag und die Praxis beginnt. Es ist eine Schwelle – ein Übergang von einem Zustand in einen anderen.

Jōshin Kokyū Hō – die Atemmethode zur Reinigung des Geistes 浄心呼吸法
Jōshin Kokyū Hō 浄心呼吸法 – wörtlich: „Methode des Atmens zur Reinigung des Geistes." Diese Atempraxis stammt aus der japanischen Reiki-Tradition und ist eine der wirkungsvollsten Meditationen, die Usui weitergegeben hat.
Jōshin Kokyū Hō – Anleitung
Setze dich aufrecht hin. Hände auf den Oberschenkeln, Handflächen nach oben. Schließe die Augen. Atme einige Male natürlich ein und aus, um zur Ruhe zu kommen.
Atme durch die Nase ein. Stelle dir vor, wie du Reiki-Energie durch den Scheitel einatmest. Spüre, wie die Energie durch deinen gesamten Körper fließt – vom Scheitel bis in die Füße.
Halte den Atem einen Moment im Hara – dem Energiezentrum etwa drei Fingerbreit unterhalb des Nabels. Spüre, wie sich die Energie dort sammelt und verdichtet.
Atme durch den Mund aus. Stelle dir vor, wie die Energie aus jeder Pore deines Körpers nach außen strömt – durch die Hände, durch die Haut, durch die Aura. Du wirst zu einem strahlenden Energiefeld.
Wiederhole diesen Zyklus für mindestens zehn Atemzüge. Spüre, wie sich dein Energiefeld mit jedem Atemzug ausdehnt und klärt.
Diese Atempraxis ist keine bloße Entspannungsübung. Sie arbeitet mit dem Hara 腹 – dem Energiezentrum, das in der japanischen Tradition als Sitz der Lebenskraft gilt. Im Shingon-Buddhismus, im Zen, in den Kampfkünsten und im Shugendō ist das Hara der Anker. Wer sein Hara spürt, ist zentriert – und wer zentriert ist, kann Energie fließen lassen.
Meditation im Shingon-Buddhismus 三密
In der Shingon-Tradition gibt es keine Meditation ohne die drei Geheimnisse – Sanmitsu 三密: Körper, Sprache und Geist. Jede Meditation aktiviert alle drei Ebenen gleichzeitig. Der Körper formt eine Mudra. Die Sprache rezitiert ein Mantra. Der Geist visualisiert ein Siddham-Zeichen oder einen Buddha.
Das unterscheidet sich grundlegend von vielen westlichen Meditationsformen, die primär auf den Geist ausgerichtet sind – Achtsamkeit, Beobachtung der Gedanken, innere Stille. Die Shingon-Meditation bezieht den ganzen Menschen ein. Die Hände arbeiten. Der Mund klingt. Der Geist sieht. Und wenn alle drei zusammenwirken, entsteht Kaji 加持 – die gegenseitige Durchdringung von Buddha-Kraft und menschlichem Bewusstsein.
Die Zeile auf dem Gedenkstein – „Im Herzen meditieren und mit dem Mund rezitieren" – ist exakt die Struktur der Sanmitsu-Meditation. Kokoro ni nenji – im Herzen (Geist) meditieren. Kuchi ni tonaeyo – mit dem Mund (Sprache) rezitieren. Und Gasshō – die Hände (Körper) falten. Usui hat die Shingon-Struktur direkt in seine Praxisanweisung eingebaut.
Die Gokai-Meditation – fünf Sätze, die verändern 五戒
Die bekannteste Meditation in der Reiki-Tradition ist die Rezitation der fünf Lebensregeln – Gokai 五戒. Usui schrieb sie auf eine Kalligrafie und gab die Anweisung, sie morgens und abends in Gasshō zu rezitieren.
Diese Rezitation ist keine Affirmation im westlichen Sinne. Es geht nicht darum, sich etwas einzureden. Es geht darum, einen energetischen Zustand zu erzeugen. Wer „Heute ärgere ich mich nicht" spricht, während er in Gasshō sitzt und im Herzen meditiert, aktiviert gleichzeitig Körper, Sprache und Geist. Die Worte werden zu Mantras. Die Haltung wird zur Mudra. Der innere Fokus wird zur Visualisation. Das ist Sanmitsu – verpackt in fünf einfache Sätze.
Meditation als tägliche Praxis 日課
Usui meinte es wörtlich: morgens und abends. Jeden Tag. Nicht als gelegentliche Übung, sondern als fester Bestandteil des Lebens. In Japan hat das eine lange Tradition – die tägliche Praxis heißt Nikka 日課, die „tägliche Aufgabe". Mönche in Shingon-Tempeln beginnen ihren Tag vor Sonnenaufgang mit Meditation und beenden ihn ebenso.
Für die Praxis von Shingon Reiki empfehlen Mark Hosak und Eileen Wiesmann einen einfachen Ablauf: Morgens zehn bis zwanzig Minuten – Gasshō, Jōshin Kokyū Hō, Gokai-Rezitation. Abends das Gleiche. Wer mehr Zeit hat, kann die Praxis erweitern: Meditation mit einem Siddham-Zeichen, Mantra-Rezitation, stille Meditation. Aber selbst die Grundform – fünf Minuten Gasshō und Gokai – verändert den Tag.
Die Regelmäßigkeit ist entscheidender als die Dauer. Fünf Minuten jeden Tag sind kraftvoller als eine Stunde einmal im Monat. Die Praxis baut etwas auf – wie ein Musiker, der jeden Tag spielt. Nicht die einzelne Sitzung verändert dich, sondern die Kontinuität.
Warum Meditation im Shingon Reiki dazugehört 根本
Auf der Startseite von shingon-reiki.com steht ein Satz: „Meditation gehört dazu." Das ist keine Werbebotschaft – es ist eine Tatsache. In vielen westlichen Reiki-Traditionen wurde die Meditation nach und nach weggelassen. Was blieb, war das Handauflegen. Aber Handauflegen ohne Meditation ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Es funktioniert eine Weile – aber die Tiefe fehlt.
In Shingon Reiki wird die Meditation nicht als optionales Extra angeboten, sondern als integraler Bestandteil jedes Grades. Vom ersten Tag an. Denn die Meditation ist es, die den Kanal öffnet, den die Einweihung aktiviert hat. Sie ist es, die die Wahrnehmung verfeinert. Sie ist es, die den Praktizierenden von jemandem, der Reiki „anwendet", zu jemandem macht, der Reiki ist.
Reiki ohne Meditation ist Energiearbeit. Reiki mit Meditation ist ein spiritueller Weg. Beides hat seinen Wert. Aber wenn du tiefer gehen willst – wenn du die Fähigkeiten entwickeln willst, die auf dem Gedenkstein beschrieben werden, die übersinnliche Wahrnehmung, die Verbindung mit den Buddhas, die Transformation des Bewusstseins – dann ist Meditation nicht optional. Sie ist der Weg.
Beginne deinen Weg
Reiki-Einweihung, Meditation, Praxis – alles aus einer Hand. Finde heraus, welcher Einstieg für dich passt.
Dein Weg in Shingon Reiki Die fünf Lebensregeln