Viele Menschen nehmen sich vor, regelmäßig zu meditieren, und merken dann nach ein paar Tagen, dass es gar nicht so leicht ist. Erfahrungsgemäß liegt das selten an der Methode. Es liegt an inneren Widerständen, die sich oft als diffuse Gefühle innerer Anteile melden. Sie reden einem ein, dass man keine Zeit hat, dass man zum Meditieren nicht taugt oder dass es gerade etwas Besseres zu tun gibt.

Diese Widerstände sind bei fast allen Menschen ähnlich. Ich habe sie hier in neun Gruppen zusammengefasst, damit du sie wiedererkennst, wenn sie bei dir auftauchen. Das macht es schon ein ganzes Stück einfacher, mit ihnen umzugehen.

Mudra Pyo · Energie lenken und Widerstände durchschneiden
Widerstände · Mudra Pyo zur Durchbrechung

Hindernisse auf dem Weg 障

Im Buddhismus gibt es für Hindernisse auf dem spirituellen Weg das Zeichen shō 障, das in Wörtern wie shōge 障礙 („Hindernis, Behinderung“) vorkommt. Dass es auf dem Weg Hindernisse gibt, wird dort ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Von daher muss sich niemand dafür schämen, wenn die ersten Meditationen nicht ruhig und friedlich verlaufen.

Die äußeren Störquellen auszuschalten ist einfach. Das Telefon geht auf lautlos, und die anderen im Haus wissen Bescheid. Schwieriger sind die Störquellen aus dem eigenen Inneren, denn die geben so schnell keine Ruhe. Meiner Erfahrung nach werden sie immer lauter, wenn man ihnen einmal nachgibt, und irgendwann gibt man dann ganz auf. Umgekehrt lässt die Belohnung für ein bisschen Standhaftigkeit nicht lange auf sich warten.

Die neun Widerstände im Überblick 九障

1. Das veränderte Zeitempfinden

Fünf Minuten können sich anfangs wie eine halbe Stunde anfühlen. Der Geist ist es einfach nicht gewohnt, ohne äußere Reize zu sein. Mit der Zeit verändert sich das.

2. Innere Stimmen

„Was vergeudest du deine Zeit mit Herumsitzen? Kümmere dich lieber um deine Arbeit!“ So oder ähnlich klingen die Stimmen, die eine Meditation abbrechen wollen. Man kann ihnen ruhig kurz und knapp antworten, zum Beispiel, dass die Meditation eine wunderbare Möglichkeit ist, einfach mal für sich zu sein, und dass man jetzt weitermacht.

3. Der Blick auf die Uhr

Eine besonders beliebte Stimme ist die, die meint, man solle doch mal auf die Uhr schauen, vielleicht habe man den Wecker vergessen und verpasse den nächsten Termin. Wer einen Wecker stellt und dann bis zum Klingeln sitzen bleibt, nimmt dieser Stimme ziemlich schnell den Wind aus den Segeln.

4. Körperliche Empfindungen

Kaum sitzt man still, fängt es irgendwo an zu jucken oder zu drücken. Der Körper meldet sich, weil er plötzlich Aufmerksamkeit bekommt. Hier hilft eine aufrechte, entspannte Sitzhaltung. Es geht beim Meditieren um Selbstfürsorge und nicht um eine schmerzvolle Askese, von daher darf man auch auf einem Stuhl sitzen.

5. Gedanken und Gefühle

Erinnerungen steigen auf, Sorgen, Pläne, manchmal auch Traurigkeit oder Wut. Oft bemerkt man erst nach einer ganzen Weile, dass man den Gedanken längst nachgegangen ist. Dann muss man sich nicht ärgern. Man kehrt einfach mit der Achtsamkeit zur Meditation zurück, ohne an den Gedanken zu haften.

6. Das Gefühl, es nicht zu können

„Ich kann einfach nicht meditieren“ ist eine der häufigsten Ausreden. Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass Meditation sofort still und klar sein müsste. Das muss sie nicht. Wer sitzt und immer wieder zurückkehrt, meditiert bereits.

7. Äußere Ablenkungen

Das Telefon, die Türklingel, Geräusche von draußen. Vieles davon lässt sich vorher ausschalten. Was dann noch bleibt, ist eher eine Frage der Reaktion als des Geräuschs.

8. Langeweile und Ungeduld

Es passiert scheinbar nichts, kein Licht und keine besondere Erfahrung. Gerade dann kommt der Gedanke, dass man die Zeit doch sinnvoller nutzen könnte. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass genau an dieser Stelle die meisten Menschen aufhören, und zwar kurz bevor es interessant wird.

9. Selbstzweifel

Mache ich es überhaupt richtig? Ist das die richtige Methode für mich? Solche Zweifel klingen sehr vernünftig. Oft sind sie aber nur eine weitere Variante der inneren Stimmen, die lieber etwas anderes tun möchten. Wenn du wirklich unsicher bist, frag lieber jemanden, der den Weg schon länger geht, statt alle paar Tage die Methode zu wechseln.

Mudra Zen · Vollendung
Zen · das neunte Siegel · Vollendung der Widerstände

Betrachten statt kämpfen 観

Viele Meditationen im Shingon tragen das Zeichen kan 観 im Namen, das „Betrachtung“ bedeutet, zum Beispiel die Atem-Meditation sūsokukan oder die Mondscheiben-Kontemplation gachirinkan. Einfach gesagt geht es darum, wahrzunehmen, was gerade da ist, ohne sich davon mitreißen zu lassen. Das gilt auch für die Widerstände. Man nimmt sie wahr und bleibt trotzdem sitzen.

Von daher lässt sich Meditation ebenso als Übung eines eisernen Willens bezeichnen, die Durchhaltevermögen und Resilienz steigern kann. Das klingt streng, ist aber eigentlich freundlich gemeint. Mit der Absicht zu meditieren, sich selbst etwas Gutes zu tun, ist meiner Ansicht nach besser, als sich zu zwingen oder zu glauben, man müsse es tun. Ein guter Anker ist dabei die 108-Atem-Meditation, bei der man einfach die Atemzüge zählt.

Was mit der Zeit geschieht 道

Die Widerstände verschwinden mit der Praxis nicht ganz, sie verändern sich aber. Die innere Stimme meldet sich vielleicht noch, man folgt ihr nur nicht mehr automatisch. Eine feste tägliche Meditationszeit hilft dabei sehr, weil daraus eine Gewohnheit wird, und es ist völlig in Ordnung, mit wenigen Minuten anzufangen und die Zeit langsam zu steigern.

Mudra Rin
Rin

In der Gemeinschaft erzählen sich Menschen gegenseitig, welche Widerstände bei ihnen gerade auftauchen, und oft hilft schon das Wissen, dass es den anderen genauso geht. Welcher der neun Widerstände meldet sich bei dir am häufigsten?

Meditation im Shingon

Shingon Reiki erleben

Wenn du magst, schau in Ruhe, welcher Einstieg zu dir passt.

Dein Weg in Shingon Reiki