
Kein Berg – ein Gebirge
Die meisten Reiki-Bücher im Westen erzählen von „dem Berg Kurama", auf dem Mikao Usui seine Erleuchtung erlangte. Klingt nach einem einzelnen Gipfel. In Wirklichkeit ist 鞍馬 Kurama ein ganzes Gebirge – mehrere Berge und Täler, verbunden durch Sattelpfade. Das Wort selbst bedeutet „Pferdesattel": Zwischen den Gipfeln geht es nur ein wenig hinunter, wie bei einem Sattel. So kommt man von Berg zu Berg, ohne tief in ein Tal absteigen zu müssen.
Im Japanischen wird nicht zwischen Einzahl und Mehrzahl unterschieden. 鞍馬山 Kurama-yama kann „Berg" oder „Berge" bedeuten. Die westlichen Übersetzer wählten den Singular. Und so entstand das Bild eines einzelnen Berges, das sich hartnäckig hält. In Wahrheit meditierte Usui nicht auf einem Berg. Er durchstreifte ein Gebirge – mit mehreren Meditationsplätzen, Wasserfällen und Askese-Stätten.
Das Kuramagebirge liegt im Norden der Präfektur Kyōto, etwa zwölf Kilometer vom Kaiserpalast entfernt. Der höchste Gipfel erreicht rund 570 Meter. Heute kann man mit der Bahn bis an den Fuß des Gebirges fahren. Zu Usuis Lebzeiten war das ganz anders – der Weg war beschwerlich und abgelegen.
Ein Ort, den man nicht leichtfertig betritt
Im Sarashina Nikki, einem japanischen Tagebuch aus dem frühen 11. Jahrhundert, steht: „Kurama ist so durchwachsen, dass du, auch wenn du dich für eine Pilgerreise dorthin entscheidest, vor Furcht doch nicht aufbrechen wirst."
Das Kuramagebirge war seit jeher als ein Ort bekannt, an dem es von ungemütlichen Geistern wimmelt. Tengu – die langnasigen Waldgeister der japanischen Mythologie – sollen hier mit Vorliebe Mönche und Asketen an den Bäumen aufhängen. Aber die mystischen Gefahren sind nicht die einzigen. Auf dem Weg nach oben stehen bis heute Schilder in japanischer Sprache, die dringend davon abraten, tiefer in den Wald einzudringen – wegen der japanischen Schwarzbären.
Etwa einmal pro Jahr steht in Japan in der Zeitung, dass jemand die Bären mit Honig füttern wollte und der Bär so begeistert war, dass er gleich den Arm des Spenders mit verputzte. Wer vor einem Bären flüchtet, sollte übrigens aufpassen, dass er nicht auf eine Mamushi tritt – eine japanische Giftschlange mit hübschem gelb-schwarzem Muster. Wer gebissen wird, hat nicht mehr viel Zeit, nach Kyōto zurückzukommen.
Das ist keine Folklore. Das Kuramagebirge ist ein wilder Ort. Mikao Usui meditierte nicht in einem Wellness-Resort. Er ging in ein Gebirge, das für seine Gefahren bekannt war – physisch und spirituell. Diese Entscheidung zeigt, wie ernst er seine Suche nahm.

Warum Usui ausgerechnet nach Kurama ging
Nachdem Mikao Usui lange versucht hatte, die Bedeutung und Anwendung der Symbole zu entschlüsseln, die er in alten buddhistischen und shintoistischen Texten gefunden hatte, begab er sich für drei Wochen in das Kuramagebirge. Dort meditierte er an verschiedenen Plätzen und führte asketische Praktiken durch.
In Japan gibt es viele heilige Berge. Warum wählte Usui ausgerechnet diesen abgelegenen Ort? Weil das Kuramagebirge seit Jahrhunderten als ein Ort galt, an dem Menschen spirituelle Durchbrüche erleben konnten. Die Energien dieses Kraftplatzes waren bekannt. Und es gab zahllose Plätze für asketische Praxis – Wasserfälle, Höhlen, Schreine unter uralten Bäumen.
Der genaue Ort, an dem Usui seine Einweihung in die Reiki-Kraft empfing, war höchstwahrscheinlich am Fuße eines heiligen Sugi-Baumes – eines japanischen Welt-Naturerbes – in der Nähe des Yoshitsune-Schreins. Dort hatte er seine Morgenstern-Meditation durchgeführt. Mit dem Morgenstern ist die Venus gemeint. Von dort kam das immer wieder beschriebene Licht auf ihn zu.
„Im Kuramagebirge gibt es zahllose Plätze für asketische Praxis, um spirituelle Fähigkeiten zu erlangen. Das war bereits zu Usuis Lebzeiten seit Jahrhunderten bekannt."
— Dr. Mark HosakErleuchtung hat hier Tradition
Mikao Usui war nicht der Erste, der im Kuramagebirge eine transformierende Erfahrung machte. Im Jahr 770 wurde der Mönch Kantei – engster Gefährte des berühmten Ganjin – von einem weißen Pferd auf den Kurama geführt. Dort hatte er eine Vision: Er empfing von Maoson eine spirituelle Energieübertragung und wurde von Bishamonten erleuchtet. Das war der Grund, dort einen Tempel zu gründen.
Nur 26 Jahre später, im Jahr 796, hatte der Baumeister Fujiwara Isendo auf demselben Berg eine ähnliche Erfahrung – diesmal mit der tausendarmigen Senju Kannon, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Er erweiterte den Tempel um neue Gebäude und eine Pagode.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Mikao Usui von diesen Geschichten gewusst hat – und das Kuramagebirge gerade deshalb für sein Vorhaben auswählte. Hier war schon einmal etwas geschehen. Hier war der Boden bereitet.
Die drei Spirits des Kurama – Liebe, Licht, Lebenskraft
Wegen dieser mystischen Erfahrungen im 8. Jahrhundert werden drei Spirits als Trinität im Kurama-Tempel verehrt. Sie heißen zusammen 尊天 Sonten – die ehrwürdigen Himmelswesen. Sie stehen für drei Qualitäten, die an die Grundlage von Reiki erinnern:
Liebe, Licht und Lebenskraft – das sind keine abstrakten Begriffe im Kurama-Tempel. Es sind die drei Kräfte, die nach der Überlieferung jedes Lebewesen zum Leben erwecken. Und sie sind direkt mit den Reiki-Symbolen verbunden: Das Siddham von Senju Kannon ist der Vorläufer des Mentalheilungs-Symbols. Die Pagode des Bishamonten ist der Vorläufer des Fernheilungs-Symbols. Und Maosons Lebenskraft ist das Reiki selbst – die spirituelle Lebensenergie. Genau diese Kraft wird mit dem Choku Rei gerufen: dem ersten Reiki-Symbol, das die spirituelle Energie aktiviert und herbeiruft. Choku Rei bedeutet sinngemäß „die Kraft des Spirits komme hierher" – und dieser Spirit ist Maoson mit seiner Lebenskraft.
Die drei Spirits des Kurama-Tempels sind keine zufälligen Gottheiten. Ihre Symbole und Qualitäten spiegeln sich direkt in den Reiki-Symbolen wider. Wer Reiki praktiziert, steht in einer Verbindung zu diesem Ort – ob er es weiß oder nicht.
Feuer, Taifune und die Verwundbarkeit heiliger Orte
Die Originalgebäude des Kurama-Tempels wurden 1126 durch ein Feuer zerstört. 1236 brannte der Tempel erneut nieder. 1945 – bei dem jährlichen Feuerfest Hi Matsuri – sprangen Funken von den riesigen Fackeln, die von mehreren Menschen gleichzeitig getragen werden, auf die alten Gebäude über. Sie brannten bis auf den Grund nieder. Die heutige Haupthalle stammt erst aus dem Jahr 1971.
Das bedeutet: Mikao Usui hat 1922 ganz andere Tempelgebäude erlebt als heutige Besucher.
Im September 2018 verwüstete ein verheerender Taifun das Kuramagebirge. Er riss hunderte Meter lange Schneisen in den Wald. Mark Hosak war im Mai 2019 vor Ort und hat das Ausmaß der Zerstörung selbst gesehen. Der Kurama-Tempel blieb zum Glück weitgehend unversehrt. Aber der kleine Schrein vor dem heiligen Sugi-Baum – höchstwahrscheinlich der Ort von Usuis Einweihung – wurde zerstört. Ebenso ein alter Drachenkraftplatz mit Teich.
Die Spirits sind weiterhin dort. Und erstaunlich viel von der Kraft ist erhalten. Aber die alten Gebäude und Kraftplätze aus Usuis Lebzeiten sind nicht mehr vorhanden. Das Kuramagebirge als Kraftplatz jedoch bleibt. Und jeder, der dort hinkommt, kann die mystische Präsenz dieses Ortes erleben.

Yoshitsune und die Tengu – Kampfkunst zwischen den Wurzeln
Die wohl berühmteste Geschichte des Kurama handelt von einem Kind namens Yoshitsune. Im 12. Jahrhundert tobten Machtkämpfe zwischen den Samurai-Familien Taira und Minamoto. Die Taira hatten die führenden Männer der Minamoto ausgelöscht – aber die Kinder am Leben gelassen. Der junge Yoshitsune wurde in den Kurama-Tempel gesteckt. Er sollte dort Mönch werden, weitab vom Geschehen. Seine wahre Herkunft wurde ihm verschwiegen.
Doch Yoshitsune hatte ein großes Freiheitsbedürfnis. Tag für Tag schlich er sich aus dem Tempel in die Wälder. Dort – so erzählt die Legende – brachte ihm ein Tengu mit langer Nase den japanischen Schwertkampf bei. In Wirklichkeit waren es die Ninja, die in den tieferen Gefilden des Kuramagebirges ihre Übungsstätten hatten. Die japanische Geschichtsschreibung schreibt lieber den Tengu zu, was eigentlich die Ninja geleistet haben.
Den Ort im Wald, wo Yoshitsune zwischen den Baumwurzeln seine Fußarbeit perfektionierte, kann man noch heute sehen. Die Wurzeln wachsen dort über der Erde – ein natürliches Hindernis-Terrain. Und genau dort, in der Nähe des heutigen Yoshitsune-Schreins, war auch der Ort, an dem Mikao Usui in Reiki eingeweiht wurde.
Shingon, Tendai und der Esoterische Buddhismus am Kurama
Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die buddhistische Schule des Kurama-Tempels mehrfach. Zwischen 889 und 1113 – über 200 Jahre lang – gehörte er der von Kukai gegründeten Shingon-Schule an. Über zwei Jahrhunderte lang prägten Shingon-Rituale die Kraft dieses Tempels und seiner Umgebung. Danach wechselte er zur Tendai-Schule, einer weiteren Tradition des Esoterischen Buddhismus in Japan.
Beide Schulen – Shingon und Tendai – gehören zu den Geheimlehren des Esoterischen Buddhismus. Marks Forschung zeigt, dass genau diese Geheimlehren, insbesondere die der Shingon-Schule, in die Praxis des Usui Reiki eingeflossen sind. Die Reiki-Symbole tragen die Spuren dieser Tradition.
Seit 1949 gehört der Tempel der Kurama Kōkyō-Schule an – einem Zweig der esoterischen Tendai-Tradition, der gerade wegen der erleuchtenden Erfahrungen zahlreicher Pilger gegründet wurde. Einer dieser Pilger war Mikao Usui.

Was der Kurama für Shingon Reiki bedeutet
In der Kurama Kōkyō-Schule heißt es, dass der beschwerliche Aufstieg auf den Kurama dem Streben nach Erleuchtung gleicht. Und der Abstieg kommt einem Bodhisattva gleich, der in die Welt zurückkehrt, um den Wesen zu helfen.
Erinnert das nicht an Mikao Usui? Er steigt auf. Meditiert drei Wochen. Empfängt die Reiki-Kraft. Und kehrt zurück, um der Welt etwas Gutes zu bringen. In diesem Sinne sind alle, die Reiki praktizieren und sich anstrengen, den Wesen der Welt Gutes zu tun, auch Bodhisattvas – angefangen mit Usui.
Das Kuramagebirge ist kein Museum. Es ist ein lebendiger Kraftplatz. Die Spirits sind dort. Die Energie ist dort. Und wer die Verbindung zwischen Shingon Reiki und diesem Ort versteht, versteht auch, warum diese Praxis tiefer reicht als jede westliche Reiki-Variante: Sie wurzelt in einem Gebirge, das seit über tausend Jahren Menschen verändert.
Mark führt spirituelle Japanreisen, auf denen er das Kuramagebirge zusammen mit dir besucht. Nicht als Tourist. Sondern an den Orten, wo Usui meditiert hat. Dort, wo die Kraft ist.
Das Kuramagebirge selbst erleben
Auf einer spirituellen Japanreise mit Mark Hosak erlebst du die Kraftplätze, an denen Usui meditiert hat – und die Tradition, aus der Reiki stammt.