Ich war vielleicht acht oder neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal chinesische Schriftzeichen sah. In einem Film — ich erinnere mich nicht mehr an welchem. Aber ich erinnere mich an das Gefühl. Diese Zeichen sahen nicht wie Buchstaben aus. Sie sahen aus wie Tore. Wie etwas, das man öffnen konnte. Und dann, ein paar Jahre später, sah ich in einem Martial-Arts-Film einen Kämpfer, der Fingerzeichen formte — und ich wusste: da steckt etwas Echtes dahinter. Ich wusste es, bevor irgendjemand es mir bestätigte.

Diese Gewissheit — dass hinter den Bildern, hinter den Filmen, hinter den Geschichten eine echte Tradition liegt — hat mich nie losgelassen. Sie hat mich nach Japan gebracht. Sie hat mich in Tempel geführt. Sie hat aus dem Kind, das Zeichen angestarrt hat, einen Japanologen gemacht, der drei Jahre in Kyoto geforscht hat. Und sie hat schließlich zu dem geführt, was ich heute Shingon Reiki nenne.

Mark Hosak vor einem Shingon-Butsudan-Altar in einem japanischen Tempel
Mark vor einem Shingon-Altar · gelebte Forschung in den Tempeln Japans

Die Faszination, die alles begann

Vielleicht kennst du das. Du siehst etwas — in einem Film, in einem Buch, in einem Anime — und dein Körper reagiert, bevor dein Verstand einordnen kann. Ein Kribbeln. Eine Ahnung. Ein stilles Wissen: da ist mehr. Bei mir war es die asiatische Schrift. Und die Fingerzeichen der Ninja. Ich hatte keine Erklärung dafür, warum mich das so fasziniert hat. Ich war ein Kind im Schwarzwald, weit weg von Japan. Aber die Faszination war real. Und sie war hartnäckig.

Jahre später, als junger Mann, habe ich angefangen, Japanologie zu studieren. Nicht weil jemand es mir geraten hat. Sondern weil ich herausfinden wollte, ob das, was ich als Kind gespürt hatte, einen realen Hintergrund hat. Ob diese Zeichen wirklich Kraft tragen können. Ob die Fingerzeichen wirklich funktionieren. Die akademische Welt war der Weg, den ich gewählt habe — aber der Antrieb war nicht akademisch. Er war zutiefst persönlich.

Drei Jahre in Japan 京都

Als ich nach Japan ging — nach Kyoto, an die Universität — dachte ich, ich gehe als Forscher. Ich kam mit Büchern, Wörterbüchern und dem Ehrgeiz, Quellentexte zu übersetzen. Was ich nicht erwartet hatte: dass die Forschung mich in Tempel führen würde, in denen die Texte noch lebendig waren. In denen Mönche praktizierten, was in den Manuskripten beschrieben stand. In denen die Siddham-Zeichen nicht in Vitrinen lagen, sondern auf Talismanen geschrieben und in Ritualen verwendet wurden.

In Kyoto hat sich mein Verständnis verändert. Ich hatte erwartet, alte Texte zu finden. Stattdessen fand ich lebendige Praxis. Shingon-Mönche, die Mandalas nicht nur erklärten, sondern in ihnen meditierten. Bergasketen auf dem Yoshino, die Kuji Kiri nicht als historische Kuriosität betrachteten, sondern als tägliches Werkzeug. Ein Zen-Mönch, bei dem ich Kalligrafie studierte und der mir beibrachte, dass der Pinselstrich den inneren Zustand zeigt — ungeschminkt und unbestechlich.

„Ich bin nach Japan gegangen, um Texte zu finden. Ich habe Menschen gefunden. Und die Menschen haben mir gezeigt, dass die Texte nur Landkarten sind — das Territorium muss man selbst betreten." Dr. Mark Hosak

Die Dissertation, die daraus entstand — „Die Siddham in der japanischen Kunst — Rituale der Heilung" — war der akademische Ausdruck dessen, was ich in diesen Jahren erfahren habe. Ich habe dokumentiert, wie Schriftzeichen in Japan über mehr als 1200 Jahre als Träger spiritueller Kraft eingesetzt wurden. Aber hinter der Dokumentation stand immer die persönliche Erfahrung: diese Zeichen wirken. Nicht weil ein Text es behauptet. Sondern weil ich es erfahren habe.

Die 88 Tempel von Shikoku 四国

Es gibt eine Pilgerreise in Japan, die nicht für Touristen gemacht ist. 88 Tempel auf der Insel Shikoku, verbunden durch einen Fußweg von etwa 1200 Kilometern. Traditionell geht man zu Fuß. In weißer Kleidung, mit einem Bambushut und einem Pilgerstab. Der Weg dauert 30 bis 60 Tage — je nachdem, wie schnell man geht und wie lange man in den Tempeln verweilt.

Ich bin diesen Weg gegangen. Zu Fuß. Tempel für Tempel. Tag für Tag. Was auf diesem Weg passiert, lässt sich schwer in Worte fassen. Es ist nicht spektakulär. Keine Visionen, keine Wunder. Stattdessen: eine langsame, tiefe Veränderung. Der Körper bewegt sich. Der Geist wird still. Die Landschaft verändert sich — Berge, Küste, Reisfelder, Wälder. Und irgendwann merkst du, dass sich nicht nur die Landschaft verändert hat. Du hast dich verändert.

Der Shikoku-Pilgerweg hat mir etwas gezeigt, das kein Buch mir geben konnte: dass der Weg die Praxis ist. Nicht das Ankommen. Nicht die Erkenntnis am Ende. Sondern der nächste Schritt. Und der nächste. Und der nächste. Das klingt einfach. Es ist das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Und das Wichtigste.

Mark Hosak in Samurai-Rüstung · die Verbindung zu den Krieger-Traditionen
Mark in Samurai-Rüstung · die Krieger-Linie der Ninjutsu-Tradition

Ninjutsu und die andere Seite 忍術

Parallel zur akademischen Forschung und zur buddhistischen Praxis gab es einen anderen Faden in meinem Leben: Ninjutsu. Ich wurde Nachfolger von Taguchi Sensei und erhielt die Übertragung als Großmeister. Das klingt dramatischer, als es sich anfühlt. In Wirklichkeit ist es vor allem Verantwortung.

Ninjutsu hat mir etwas Entscheidendes gebracht: die Verbindung von Körper und Geist als praktisches Prinzip, nicht als philosophisches Konzept. Die Fingerzeichen, die mich als Kind fasziniert hatten — Kuji Kiri — waren hier lebendige Praxis. Neun Zeichen, neun Kräfte, eingebettet in ein System aus Bewegung, Atem und Meditation. Die Kuji stammen nicht ausschließlich aus dem Buddhismus — ihre Wurzeln reichen in den schamanischen Daoismus, in Shugendō, in die Bergasketentradition der Yamabushi.

Diese Vielfalt — Buddhismus, Daoismus, Shintō, Shugendō, Kampfkunst — ist kein Widerspruch. In Japan waren diese Traditionen nie so streng getrennt wie im westlichen Denken. Ein Mönch konnte gleichzeitig Bergasket sein. Ein Krieger konnte meditieren. Ein Gelehrter konnte die Fingerzeichen der Ninja kennen. In mir haben sich diese Fäden verbunden — nicht als eklektisches Sammeln, sondern als organisches Wachstum, bei dem jede Tradition die andere vertieft hat.

Die Entstehung von Shingon Reiki 真言靈氣

Shingon Reiki ist nicht an einem Tag entstanden. Es ist über mehr als 25 Jahre gewachsen — aus der Forschung, aus der Praxis, aus der Erfahrung in japanischen Tempeln und auf japanischen Bergen. Es ist der Versuch, das wiederzufinden, was Reiki einmal war, bevor es im Westen zu einer reinen Handauflege-Methode vereinfacht wurde.

Der Kern von Shingon Reiki ist die Verbindung zurück zur Quelle. Zur Shingon-Tradition. Zu den drei Geheimnissen — Körper, Sprache und Geist. Zu den Siddham-Zeichen, die den Reiki-Symbolen zugrunde liegen. Zu den Mantras, die nicht als schöne Klänge funktionieren, sondern als Schlüssel zu kosmischen Kräften. Zu der Erkenntnis, dass Reiki kein Wellness-Werkzeug ist, sondern ein Weg der spirituellen Entwicklung.

Warum Shingon Reiki

Shingon Reiki gibt dem Reiki zurück, was ihm genommen wurde: die Meditation. Die Mantras. Die tiefe Verbindung zur japanischen Geistestradition. Nicht als historische Rekonstruktion — sondern als lebendige Praxis, die heute genauso wirkt wie vor 1200 Jahren. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum du hier bist: weil du gespürt hast, dass da mehr sein muss. Und du hattest recht.

Eileen und der gemeinsame Weg

Seit einigen Jahren gehe ich diesen Weg nicht mehr allein. Eileen Wiesmann — Historikerin, Shingon Reiki Meisterin, Schamanin — bringt eine Perspektive ein, die meine eigene ergänzt und erweitert. Wo ich forsche, spürt sie. Wo ich in Texten suche, findet sie in der direkten Erfahrung. Das ist kein Gegensatz — es ist eine Doppelhelix, in der sich akademische Tiefe und gelebte Praxis umeinander winden.

Gemeinsam schreiben wir das Shingon Reiki Buch. Gemeinsam bieten wir Einweihungen und Spirituelle Japanreisen an. Und gemeinsam bauen wir eine Gemeinschaft auf — die Community Spirituelle Meisterwege — für Menschen, die nicht nur Reiki machen wollen, sondern den ganzen Weg gehen.

An dich

Wenn du bis hierher gelesen hast, dann vielleicht, weil du dich wiedererkannt hast. Vielleicht warst du auch das Kind, das Zeichen angestarrt hat. Vielleicht hast du in einem Anime etwas gespürt, das du nicht erklären konntest. Vielleicht hast du Reiki bereits ausprobiert und gedacht: da muss mehr sein.

Da ist mehr. Und es ist kein Geheimnis — es ist eine Tradition. Eine Tradition, die in japanischen Tempeln lebt, in alten Manuskripten bewahrt wird und in der Praxis von Menschen, die den Weg gehen, jeden Tag neu lebendig wird. Was du als Kind gespürt hast, war richtig. Es ist noch da. Und der Weg steht offen.

„Der Weg ist nah, nicht fern. — Michi wa chikaku ni ari, enshū ni motomubeki ni arazu." Gedenkstein am Grab von Mikao Usui
Individuelle Erfahrung. Jede Stimme ist ein persönlicher Erfahrungsbericht. Ergebnisse können variieren. Reiki und spirituelle Praxis ersetzen keine medizinische oder psychologische Behandlung.
Weitere Stimmen aus der Praxis →
Dein nächster Schritt

Beginne deinen eigenen Weg

Shingon Reiki ist kein Ziel — es ist ein Weg. Und der erste Schritt ist oft einfacher, als man denkt.

Dein Weg im Shingon Reiki Über Mark & Eileen